Mai

Hildegard von Bingen

Liber Divinorum Operum • 1. Teil, 4. Vision

Der fünfte Monat ist lieblich, mild und herrlich durch die Früchte der Erde, wie auch das Schmecken des Mundes süß und freundlich ist; denn durch den Geschmack wird erkannt und festgestellt, woran der Mensch sich in Freude erquickt. So ist auch die Vernunft die Säule und das Mark der fünf Sinne, die durch sie erhalten und zum Wirken angeleitet werden, wie die Erde, die vom Pflug umgeworfen ist, im Keimen fruchtbar wird. 

Das Sehen aber, die Sinneswahrnehmung der Augen, durch das der Mensch alles sieht und erkennt, hat mit Recht die Vorrangstellung unter den übrigen Sinnen. Denn wie sie in ihrer Stellung höher ist als die übrigen, so erfasst sie auch besser die entfernteren Dinge als die anderen. Auch dadurch ist der Gesichtssinn angenehm und großartig, weil der Mensch in ihm durch Erkennen und Auswählen das Nützliche vom Unnützen unterscheidet. 

Der fünfte Monat, der Mai, hat den lieblichsten Duft der Blumen, an denen sich die Herzen der Menschen erfreuen, weil in ihm alle Früchte der Erde hervorsprießen, an denen sich der Mensch freut. So erkennt auch der Mensch mit der Sehkraft der Augen auf natürliche Weise jede Verwendung der Wesen. Mit der Schärfe seiner Vernunft erkennt er den Unterschied von dem, was er sieht. 
Die Fruchtbarkeit dieses Monats aber ist dem Geschmackssinn des Menschen ähnlich, durch den der Mensch erkennt, was zu seiner Erquickung nützlich ist. 

April

Hildegard von Bingen

Liber Divinorum Operum • 1. Teil, 4. Vision

Durch den vierten Monat, der grün ist, Duft verbreitet und wie aus Furcht donnert, wird die Nase bezeichnet. Mit ihr zieht der Hauch der Seele den Geruch von allem ein, was der Mensch sich in Furcht auswählt, und entlässt ihn wieder.

Diesem Monat gleicht der Mensch, der durch den Hauch der Vernunft in seinem Wissen die Grünkraft der guten Werke weise erwählt. In diesem Menschen gedeihen alle Früchte und er bringt Wohlgerüche hervor. Denn mit dem süßesten Geruch wird der Ruf seiner Rechtschaffenheit und Nützlichkeit zum Lobe Gottes überall verbreitet.
Aber der Lärm der widerwärtigen und schlechten Menschen verschmäht oft die Tugenden und guten Werke jenes Menschen und bezeichnet ihn als ungerecht und böse. …
Wie nämlich dieser Monat gefährlich und furchterregend donnert und trotzdem die Früchte der Erde nicht austrocknet, so dörren auch die Kräfte und Tugenden des seligen Menschen durch die genannten bösen Reden nicht aus, sondern die, die mit ihren Zähnen gegen ihn knirschen, verlieren ihre Kraft

Und der Mensch wählt mit dem Hauch der Vernunft das Edelste und Süßeste aus und zieht es durch die Nase ein, das Stinkende und Hässliche verwirft er. So verdient er ewigen Lohn und wird von den Menschen mit Lob geehrt. Sein Verfolger dagegen bleibt ohne den himmlischen Lohn und kann auf Erden niemals von den Menschen in Wahrheit gelobt werden. Wer nämlich Gott fürchtet und liebt, hütet seinen Sinn vor allem, was schlecht ist, wie der Mensch seine Nase von etwas Stinkendem, Unreinen abwendet. 

Geissblatt / Jelängerjelieber

Lonicera caprifolium

Droge: die getrockneten Blüten

Inhaltsstoffe: Saponine, Alkaloide, phenolische Verbindungen, cyanogene Glykoside und Flavonoide

Wirkung: harn- und schweißtreibend

Anwendung: wurde in der Volksheilkunde zur Ausschwemmung von Wassereinlagerungen und bei Erkältungskrankheiten eingesetzt; In modernen Phytotherapie wird das Geissblatt nicht mehr verwendet.

Bekannt geworden ist die Pflanze vor allem unter ihrem englischen Namen HONEYSUCKLE – als Bachblüte. Sie steht für die Menschen, die in der Vergangenheit leben: Früher war alles besser!

März

Hildegard von Bingen

Liber Divinorum Operum • 1. Teil, 4. Vision

Der dritte Monat ist seinem Wesen nach voller Unruhe. Er bringt Stürme und hat ungesunde Witterung in sich. Mit seinen verschiedenen Winden weckt er alle Keime der Erde. An diesem Monat erkennt man die Ohren, in denen der Laut von allem Nützlichen und Unnützen ertönt, wodurch der ganze Leib bewegt wird. 

Auf ähnliche Weise hat auch die Seele im Leib, der durch sie bewegt, erfüllt und wie von Adern durchflossen wird, eine Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur. Denn der Mensch gleicht mitten in seiner Jugend einem Baum, der zunächst unreife Früchte und später erste seine Früchte hervor treibt. Denn der Mensch trägt in sich Stürme des unruhigen Lebens, wenn er merkt, was er tun könnte, weil sein Mark schon fett und seine Adern gefüllt sind. Dann hat die Seele in ihm eine trauernde und klagende Stimme, weil ihr Schmerz durch seine Sünden mehr und mehr vergrößert wird; denn sie ist das Leben, das alle im Menschen in Bewegung setzt. …

Daher wird auch seine Seele tief traurig, durch deren Kräfte das alles ausgeführt wird. Denn in sie kommt alles Gute und Böse zurück, wie auch in den Ohren alles Nützliche und Unnütze widerhallt. Wenn aber der Mensch die Auswüchse des jugendlichen Überschwangs überwunden hat und durch die Gnade Gottes seine Fehler wiedergutmacht und sich dem Besseren zuwendet, dann durchweht die Seele, die vorher traurig war, in ihm alles, Wertvolles und Unnützes und bewegt ihn zur Reue wegen seiner schlechten Taten. Über seine guten und nützlichen Werke aber lässt sie ihn sich freuen, als wäre es an einem paradiesischen Ort.