Januar

Hildegard von Bingen

Liber Divinorum Operum • 1.Teil, 4.Vision

Der erste Monat, in dem die Sonne wieder steigt, ist kalt und feucht. Er ist voller Widerspruch und schwitzt Wasser aus, das sich in das Weiß des Schnees verwandelt hat.
Daher werden seine Eigenschaften mit dem Gehirn verglichen. Auch es ist kalt und feucht und reinigt sich, indem es wertlose Flüssigkeit durch Ohren und Nase ausscheidet.

So wirkt auch die Seele mit Freude in der Kindheit des Menschen, die weder Arglist noch fleischliches Begehren kennt und die Seele nicht antreibt, gegen ihre Natur zu wirken. Die Seele ist in der Kindheit, die ihrem eigenen Sehnen nach einfach und unschuldig ist, stark und mächtig.
Später aber, wenn sie die Freude über die kindliche Unschuld entbehrt, wird sie in große Traurigkeit gestürzt, wie ein Fremdling, der aus seiner Heimat vertrieben ist.
Denn die Körpersäfte im Menschen nehmen jetzt zu, er selbst wird von der Fleischeslust befleckt, liebt die Leichtfertigkeit und damit die Gottvergessenheit und findet Freude und Lust an der Tischgesellschaft der Sünder.

Wie nämlich die Sonne sich im ersten Monat wieder erhebt, so ist die Seele im frühen Lebensalter weder gebunden noch verfinstert durch die Lust und Auswirkung der Sünden.
Durch sie wandelt der Mensch mit dem widersprüchlichen Verhalten seiner Unbeständigkeit in die Verhärtung von Niedertracht und Eitelkeit, da ihm die Heiligkeit des rechten Handelns fehlt.
Aber wenn dieser Mensch durch die Belehrungen und Ermahnungen des Heiligen Geistes Tränen vergießt, wird er mit dem süßen Duft des guten Rufes vom Gestank seiner Sünden gereinigt, weil er Unkenntnis und Widerwillen gegen gute Werke meidet.

Dezember

Hildegard von Bingen

Liber Divinorum Operum • 1.Teil, 4.Vision

Der zwölfte Monat hat starke Kälte. Er lässt die Erde gefrieren, bedeckt sie völlig mit dem Schaum der Kälte und macht sie abstoßend und beschwerlich.
Deswegen werden mit seiner Eigenschaft die Füße des Menschen bezeichnet, die sehr vieles zertreten und breittreten und die Erde eindämmen. Sie können sich auch nicht von der Erde in die Höhe heben, sondern stehen auf ihr. …
Denn wie der Körper nach dem Scheiden der Seele ohne jede Wärme ist und kalt bleibt, so vergisst ohne die Wärme der Gaben des Heiligen Geistes die Seele, in Zorn verhärtet, ihr Wesen. … Denn im Zorn fließt das Blut des Menschen über. So wird der selbst seiner gesunden Sinne beraubt und sozusagen wahnsinnig. …

November

Hildegard von Bingen

Liber Divinorum Operum • 1.Teil, 4.Vision

Der elfte Monat neigt sich und baut die Kälte auf. Er zeigt an sich nicht die Freude des Sommers, sondern die Traurigkeit des Winters. Kälte bricht aus ihm über die Erde und lässt sie Schmutz aufwühlen. Das macht auch der Mensch nach, wenn er sich zusammenkauert, damit ihn die Kälte nicht durchdringt. Daher häuft er auch, wenn er seine Knie in Traurigkeit beugt, in seinem Herzen schmerzliche Gedanken auf, hält sich gleichsam für Schmutz und hat keinen Blick für die Freude. … 

Oktober

Hildegard von Bingen

Liber Divinorum Operum • 1.Teil, 4.Vision

Der zehnte Monat gleicht einem sitzenden Menschen, weil er nicht mit seinen Kräften in Grünkraft auffliegt. Er bringt auch keine Wärme, sondern entblättert die Äste der Bäume und schickt Kälte aus.

So krümmt sich auch der Mensch im Sitzen zusammen, um der Kälte zu entgehen. In diesem Monat zieht er auch seine Kleidung fest an sich, weil er dann durch seine Bekleidung Wärme hat. So ist auch der Mensch, wenn er im Greisenalter zu frieren beginnt, weiser geworden als früher. Er hat die Lebensart der Jugend satt, lässt das Schwanken zwischen zügellosem und törichtem Verhalten in diesem Alter austrocknen und meidet die Gesellschaft der Toren, damit sie ihn nicht mit ihrer Unwissenheit täuschen.

Buchtipp – Heilwissen der Klosterfrauen

Dr. Johannes G. Mayer (†)
Das geheime Heilwissen der Klosterfrauen

rororo • ISBN 978-3-499-62373-8

Klappentext: 
„Hildegard von Bingen und ihre Schwestern • Im Hochmittelalter waren es vor allem Frauen, die sich in der medizinischen Forschung hervortaten. Sie widmeten sich der Krankenpflege, gründeten Spitäler und entwickelten Therapien. Dr. Johannes G. Mayer – Leiter der Forschergruppe Klostermedizin – führt uns in die faszinierende Welt der Klosterfrauen und verrät, welche Rezepte uns noch heute helfen können.“


Mal wieder bin ich im Antiquariat fündig geworden: Der Name des Autors spricht für sich – und es fehlte mir noch in meiner Sammlung. 
Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert:

  • Heilende Frauen: Die Schule von Salerno, Trota, Klosterfrauen (Hildegard von Bingen u.a.) – Ein spannendes Kapitel, das ich ratzfatz durchgelesen hatte! 
  • Die Heilkunde der Klosterfrauen: Eine Einführung in die damalige Vorstellung von Natur und Medizin, Temperamentenlehre, Ratschläge für die Gesundheit. – Diese Zusammenfassung gefällt mir sehr gut; ich werde sicherlich bei meinen Vorträgen daraus zitieren. 
  • Die Heilkräuter der Klosterfrauen: Die wichtigsten Pflanzen von A bis Z mit wunderschönen schwarz-weiß Zeichnungen. (Ich bin ja ein Fan von botanischen Zeichnungen!) Hier kann man immer mal wieder nachschlagen. 

Bereichert wird das kleine Buch mit einem üppigen Bildtafel-Teil. 
Sollte Ihnen das Büchlein irgendwo über den Weg laufen – nehmen Sie es mit – es lohnt sich! 😊